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Kulturelle Bildung

Alles Fake!? Konstruktion von Wahrheit im Museum

Heike Roegler

 Bild via Anne Ewert

Bild via Anne Ewert

Mit der Wahrheit ist das so eine Sache, eine durchaus spannende Sache, denn: „Es gibt sie ja gar nicht, DIE Wahrheit“. Dieser Satz fiel am Nachmittag während des eintägigen Symposiums „Alles Fake!? Konstruktion von Wahrheit im Museum“. 

Anders gesagt: Es gibt viele verschiedene Aspekte von Wahrheit. Diese zu betrachten und bewusst einzusetzen ist eine Herausforderung an die Vermittlung. 

„Was wir als Wahrheit empfinden, entsteht in unserem Kopf, steht aber in Zusammenhang mit der Außenwelt“. 
(Aus dem Folder des Symposiums)

Konstruktion von Wahrheit im Gehirn - Prof. Dr. med. Philipp Sterzer

Prof. Sterzer ging mit den Teilnehmern der Frage nach, wie Wahrheit im Gehirn entsteht. Umformuliert geht es um die Frage, was wir wahr nehmen bzw. wie aus Sinnesreizen Wahrnehmungen entstehen?

In Einklang bringen von subjektiver Wahrnehmung mit objektiver Realität

Die einfache Antwort ist, dass wir subjektive Wahrnehmungen mit objektiver Realität in Einklang bringen. Die Fantasie stellt dabei den Einklang mit der Realität her.  Sterzer zeigte dazu Beispiele wie Linien, die man zu bekannten geometrischen Formen ergänzt und sie als solche identifiziert, obwohl sie gar nicht vorhanden sind. Er nennt dies „Induktion von Erwartung“.

Wahrnehmung ein konstruktiver Prozess

Somit ist Wahrnehmung ein konstruktiver aktiver Prozess, der einen Einklang mit der Realität herstellt. Was wir wissen oder erwarten (z.B. geometrische Formen), trägt zur Erscheinung eines Bildes bei.

Sterzer zitiert dazu Hermann von Helmholtz (Kritischer Realismus):

„So sind also unsere menschlichen Vorstellungen …, Bilder der Objekte …, deren Art wesentlich mit abhängt von der Natur des vorstellenden Bewußtseins und von deren Eigentümlichkeiten mit bedingt ist.“

Was passiert im Gehirn?

Überzeugungen sind im Gehirn codiert. Dazu laufen Prozesse von „feedback" und „feed forward“  (in einer Art abgleichenden Schleife) ab - ein „predictive coding“. Sie führen schließlich zu einem „filling in“, dem Ableiten der wahrscheinlichsten Ursache durch Information.

Wahrnehmung ändert sich schleichend, sie baut sich langsam auf (bei Kindern) und stützt sich auf gelernte Prozesse. Kollektives Wissen ist dabei in Bezug auf die Wahrnehmung gleichzeitig ein individuelles Wissen.

Unsere subjektiv erlebte Wahrheit hängt von unseren Erwartungen ab. Dabei geht die Wahrnehmung von dem aus, was wir schon wissen.

Die ganze Wahrheit. Eine dialogische Ausstellung über offene Fragen im Jüdischen Museum Berlin - Martina Lüdicke, Kuratorin Jüdisches Museum Berlin

 Inszenierung Kippa

Inszenierung Kippa

Wie kann man Antworten auf offene Fragen geben, wenn Wahrheit subjektiv und erwartungsgestützt ist?

Die Antwort, die die Kuratoren der Ausstellung „Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ geben, ist, genau bei der Subjektivität anzusetzen. Sie haben sich für ein dialogisches Ausstellungskonzept entschieden, um Besucher anzuregen, ihre eigenen Bilder und Vorstellungen zu hinterfragen.

Frage-Antwort Prinzip - Responsen 

Ausgang der Ausstellung war ein Fragenkonvolut der Besucher, das sich im Laufe der Zeit angesammelt hat und auf Ideen sowie Erwartungen der Besucher zum Judentum verweist. 

Die Kuratoren wollten Stereotypen aufgreifen und hinterfragen wie Martina Lüdicke berichtete.

Es fanden sich keine kuratorischen Stimmen in Texten der Ausstellung. Die Ausstellungsmacher wurden lediglich durch die Auswahl und Inszenierung sichtbar. 

Erwartungen nach eindeutigen Antworten wurden bewusst unterlaufen. Es sollte keine Wahrheit geliefert werden, stattdessen wurden Widersprüche eingebaut. Ziel war es, durch Irritationen die Besucher zum Denken aufzufordern. Die Bedeutung der Objekte sollte so beim Rezipienten entstehen. Dazu wurden die Besucher selbst zum Sprechen bewegt.
Die „Jews in the Box“  waren eingeladenen Gäste, die in einer offenen Vitrine mit den Besuchern ins Gespräch kamen, alle auf ihre eigene Art und Weise.

 Jew in the box

Jew in the box

Dialogisch

Auf diese Weise ist sowohl im Museum als auch außerhalb (in Blogs, Artikel, Lesungen …) eine Debatte entstanden, die weiter getragen und erzählt wurde.

Angeregt durch Besucherfragen und mit dem Arbeiten von Besucherreaktionen während der Ausstellung (und dem Weiterarbeiten zu Themen nach der Ausstellung) reagieren die Kuratoren auf Wahrnehmungen und führen auf diese Weise Wahrheiten fort ohne sie zu postulieren - dialogisch, im Spiegel von Erwartungen und Irritationen.

Welche Wahrheit im Museum? Dr. Kassandra Nakas, Universität der Künste

Woran richten sich Erwartungen im Museum?

Kassandra Nakas zeigte dazu verschiedene Perspektiven auf.  Es kann um die Authentizität des Objekts gehen. Ist es ein Original? Eine Kopie? Oder gar eine Fälschung? Was erwartet der Besucher von den Objekten und nimmt es dem entsprechend wahr?

Eine andere Perspektive kann die Überprüfbarkeit einer Aussage (kuratorisch oder künstlerisch) zu einem Objekt sein. Stimmen Erwartungen an das Objekt und Wissen so überein, dass eine Wahrheit angenommen wird? 

Oder geht es um die Wahrhaftigkeit einer Erkenntnis, die sich in der Begegnung mit Artefakten offenbart? Lässt sich eine Wahrheit ableiten?

Am Beispiel der Atlas Group, ein Projekt zur Geschichte Libanons, das ein Archiv der Geschichte kreiert und durch Installationen, Videos, Fotografien mit Erwartungen spielt, zeigte sie die verschiedenen Perspektiven auf Wahrheit in einem Museum auf. Was ist wahr an der jüngsten Geschichte des Libanons? Die Dokumente, die Aussage zur Geschichte, das Erkennen der Geschichte?

„Wahrheit wird immer von subjektiver Wahrnehmung und Interpretation bestimmt. Wir alle sehen, was wir sehen wollen.“
(Aus dem Folder des Symposiums)

Mit eigenen Augen: Ziel und Mittel inszenierten Erzählen - Karoline von dem Bussche, Kreativdirektorin Konzept/Text , TRIAD

Was sehen Besucher einer Ausstellung? Und wie kann man bestimmte Dinge in Ausstellungen erzählen?

Wir sind alle von subjektiver Wahrnehmung betroffen. Karoline von dem Bussche begann mit einem einfachen Beispiel visueller Wahrnehmung. Wir alle können auf unsere Nase schauen und nehmen sie doch nicht wahr, weil es schlicht nicht von Bedeutung für uns ist.

Wie aber können Aufmerksamkeiten gelenkt werden? Wie kann man bestimmte Dinge in Ausstellungen erzählen? Wie lassen sich auch abstrakte Wahrheiten transportieren?

Eine Antwort dazu ist, mit Räumen zu arbeiten. So können visuelle Aufmerksamkeiten gewonnen werden und lassen sich persönliche Relevanten vermitteln.

Dazu können Wahrnehmungen und Erwartungen aufgenommen und gebrochen werden. Indem man die Besucher überrascht, gewinnt man ihre Aufmerksamkeit. Von dem Bussche nannte es den Genussmoment der Überraschung, der ein Anfang von begreifen sein kann.

Beispiel Porzellanwelten Leuchtenberg - Eine wundersame Inszenierung

Die „Wahrheit“ (Authentizität) von Objekten muss in einer Präsentation/Vermittlung nicht immer im Zentrum stehen. Das Beispiel der Wunderkammer und seiner Wirkung in den Porzellanwelten Leuchtenberg verdeutlicht so ein Perspektivwechsel im Blick auf die Artefakte. Beim genauen Hinschauen und Wahrnehmen finden sich dort keine alten Gemälde und Objekte. Sie bewegen sich und überraschen. Unser Wissen sagt uns, dass es keine „echten“ beweglichen Artefakte geben kann und trotzdem „wundern“ wir uns, wie sie möglich sein kann. 

Die Bereitschaft zur Wahrnehmung kann also durch Anziehung, Emotionalität wachsen. Man schaut genauer hin. Wie kann so etwas wie ein bewegliches Bild sein? Inszenierung dient hier als Mittel, um abstrakte Wahrheiten (z.B. das „wundern“) zu transportieren.

Alles echt! Original - Präsentation - Erschließung - Dr. Sylvia Schoske, Ltd. Direktorin, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München

Die Priorität des Originals - Vom Neubau des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München

Im Neubau des Museums werden die Objekte nicht mehr - wie meist in ägyptischen Museen - chronologisch, sondern thematisch präsentiert. Dabei werden die Erwartungen der Besucher mit aufgegriffen. Das Objekt, das Original steht im Mittelpunkt.

Die Vorgaben an die Architektur waren nach Schoske die, ein Gehäuse zu bauen, das sich den Beständen der Sammlung anpasst. 

Das Gebäude selbst hat nichts „Ägyptisierendes“, nimmt keine Anklänge auf. Es gibt Sichtachsen, Leitmotive und Durchblicke, um Klarheiten zu schaffen.

Die kuratorische Perspektive steht hier im Vordergrund und wird durch das Gebäude selbst gestützt. Erwartungen werden durch Inszenierung von Originalen bedient.
Interessant ist, der Hinweis von Schoske, das die Originale teilweise gar nicht als solche von den Besuchern wahrgenommen werden, weil sie teilweise nicht in Vitrinen stehen und somit nicht „echt“ sein können.

Create Knowledge! Über neue Konzepte der Wissensschaffung in Museen und deren Auswirkungen - Sabine Jank, Kreativdirektorin und Mitbegründerin von szenum, Berlin

Am Beispiel der Ideen zu „contribute“ (einem Wettbewerbsbeitrag) zeigte Jank wie man mit der Durchdringung von analogem und digitalem Raum umgehen kann. Dazu sind Experimentierfelder nötig, in denen es zu Kollaborationen, Kommunikation und kritischen Denken kommen kann. Kuratoren sind die Vernetzer, die Beziehungsmanager zwischen den Informationen.. Dabei geht es weniger um Interaktion, denn um Autonomie von Wissen. 

Dabei stellt sich die Frage wie bzw. ob virtuell entstandene Aktionsfelder ins Museum getragen werden können? Welche Vision gibt es über das zu entwickelnde Wissen?

Anders gefragt, wie können die Oragnisationsstrukturen von Museen aussehen, wenn sie die interaktiven Prozesse multidirektionaler Wissensschaffung aufnehmen wollen?

Alles Fake?
Wie ist die Sache mit der Wahrheit nach einem Tag Symposium zu betrachten?

Wahrheit entsteht in unserem Kopf und steht in Zusammenhang mit der Wahrnehmung unserer Außenwelt. Dabei gibt es viele Perspektiven, die eingenommen werden können bzw. die Wahrnehmung lenken.

Inszenierungen von Abstraktem oder „wahrhaftigen“ Objekten, Irritationen und Kollaborationen tragen zur Konstruktion von Wahrheit bei. Ein dialogisches Auseinandersetzen ist quasi gesetzt. Wie weit man dabei in den Dialog tritt, hängt von der Rolle der Ausstellungsmacher ab. Welche Wahrnehmung einer eigenen Wahrheit will und kann sie/er präsentieren und zur Disposition stellen und vermitteln?

Ein großer Dank geht an das Organisationsteam und an alle Dozenten zu einem gelungenem Symposium, das noch eine Weile nachklingt.