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Kulturelle Bildung

Tagung "Wechselwirkungen" Museum Folkwang. Zusammenfassung Produktion.

Heike Roegler

Zusammenfassung: Produktion

Dies ist Teil 1 der Talk-Zusammenfassungen zum Post "ZUR TAGUNG IM MUSEUM FOLKWANG: WECHSELWIRKUNGEN – KUNST IM KONTEXT DER INKLUSIONSDEBATTE".

Rachel Mader berichtete mit ihrem Vortrag „Banden bilden und Themen setzen. Kollektive Strategien in der Kunst“ aus der Praxis/Produktion. 

In ihrem Vortrag befasste sie sich mit den Themenfeldern: Gründe und Ziele kollektiver Verbünde, Zusammenarbeit in der Gruppe, Interaktion mit der Gemeinschaft, Auflösung und kollektives Arbeiten als Denkmodell.

Rachel Mader macht in den ca. letzten 15 Jahren eine neue Vielfalt im kollektiven Arbeiten (als attraktive Arbeitsformen) in der Kunst aus. Das sei zunächst einmal durchaus erstaunlich, befand sie, da Kunst bisher oftmals als ein solitäres Arbeitsfeld (Hans Peter Thurn, Soziologe) einzelner Künstlerpersönlichkeiten ausgemacht wird.

Kollektive können Ateliergemeinschafen, Cluster, ein Hub, ein Komplizenschaft, eine Kollaboration, Solidargemeinschaften usw. sein. Dabei finden sich unterschiedliche Ausrichtungen und Ziele der Gruppen, die ihre Positionen und sich selbst neu in der Gesellschaft zu bestimmen versuchen. Sie verorten sich also nicht nur im Kunstbetrieb, sondern gesamtgesellschaftlich.

Die Organisationsformen der Kollektive sind verschieden. So gibt es unterschiedliche Formen der Dazugehörigkeit, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher streng gehandhabt wurden (Artistic Cell, ein Zentrum der Kommunikation).
Heute ist keine Unterordnung mehr nötig, die Verhältnisse sind teilweise organischer. Damit geht auch einher, dass das Künstlerverständnis (die Rolle) nicht mehr so scharf gefasst sei.

Rachel Mader hat sich in ihrem Vortrag auf eine spannende Zeitreise zu verschiedenen künstlerischen Kollektiven begeben und ihre unterschiedlichen Ausrichtungen aufgezeigt.

Wie schon zu Beginn von ihr erwähnt, zeigen sich die Gruppen im Unterschied zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer vielfältiger und damit auch in ihren Wechselwirkungen (sowohl innerhalb der Gruppe als auch in die Gesellschaft) diverser.

Die Zeitreise von Rachel Mader umfasste folgende Beispiele:

Die Brücke

Die Brücke als Künstlerkollektiv 1905 gemeinsam gegen starre Strukturen, als Aufbruch, als ein Anliegen der Jugend gegründet und Wegbereiter des Expressionnismus. Die Zugehörigkeit zur  Gruppe war streng geregelt. Die Kommunikation erfolgte vor allem innerhalb der Gruppe, die mit ihren Werken nach außen strahlt.

Das Künstlerkollektiv „Group Material“ aus New York entstand als eine Art Reaktion auf die Gentrifikation (Kritik gegenüber dem „bohemian ambience“) im East Village 1979  und hat das Ziel die Nachbarschaft mit einzubeziehen.

Den Künstlern der Gruppe war aufgefallen, dass an dem Prozess der Gentrifikation selbst alternative Gallerien beteiligt waren, die zunächst nur günstige Mieten gesuchten hatten. Group Material wollte jedoch nicht  (nur) von billigen Räumen vor Ort profitieren, sondern ihre Umgebung, die Nachbarschaft aktiv einbeziehen, in Kontakt treten und sich mit ihr auseinander setzen (ein kleines Beispiel dafür waren die angepassten Öffnungszeiten (nach Feierabend), wohingegen das Setzen der Themen und das Einbeziehen der Menschen aus der Umgebung dazu voll auf Beteiligung zielten).

Damit ging die Group Material direkt Wechselwirkungen ein, indem sie sich von ihrer Umgebung beeinflussen ließen und eng kommunizierten.

 Chto Delat

Chto Delat

Die Community "Chto Delat" (2013 Petersburg, wörtlich „Was tun?“) setzt auf Bildung im Austausch und nicht als Erziehung. Die russische Gruppe versteht sich als eine Community, die Kunst und (politischen) Aktivismus verbindet.
Die Gruppe gründete eine Art Kunstakademie, die sich einer Schule der engagierten Kunst verschrieb, deren Ziel Bildung durch Austausch mit anderen (russische Kulturpolitik auch im internationalen Austausch) ist.

Vergleicht man dies mit der Group Material umfasst die intendierte Kommunikation von Chto Delat größere Kreise. Sind damit die Wechselwirkungen noch größer, frage ich mich?

Weitere Beispiel, die Rachel Mader aufzählt sind das Projekt „Park Fiction“ aus Hamburg, bei dem vor allem das gemeinsame Arbeiten der Künstler Ch. Schäfer und K. Szene mit den Anwohnern zu nennen ist, die „Offene Bibliothek“ von Clegg und Guttmann für den Kunstverein Hamburg als nicht gelungenes Projekt, weil eben gerade nicht die Bevölkerung einbezogen wurde und CAMP aus Mumbai/Indien, bei dem es ausschließlich um die Anwohner (auf der Grenze zwischen Sozialbausiedlung und Slum in Mumbai) gehen soll(te). Camp versteht sich selbst eher als Ort (zur Selbstproduktion) mit größtmöglicher Flexibilität (Architektur sollte max. veränderbar sein) als als Kunstkollektiv.

Rachel Mader beobachtet also:

„Heute sind die Kollektive offener (weniger hierarchischer) in der Organisation.“ Damit geht einher, dass das Künstlerverständnis in der Rolle heute stärker aufgeweicht ist.

Für sie ist Kunst immer ein Produkt eines Sozialgefüges (immer am Vorgänger orientiert, entsteht nicht aus dem Nichts). Kunst ist daher per se ein Ergebnis von kollektiven Prozessen - wie aufgezeigt auch in der Arbeitssituation.

Die Frage, die sich für mich ergibt ist, ob die heutige Offenheit der Kollektive mit der Veränderung  der Kommunikation und somit auch mit den Möglichkeiten zur Begegnung und der Reichweite  über das Internet einhergeht? 

Neben der schnelleren, gebündelten Kommunikation gibt es Kollektive, die sich explizit über das Netz zusammen gefunden haben (und dort auch gleichzeitig zusammen kommunizieren können). Ein Beispiel dazu wäre das 154 Collective.